Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Landkarte des Wagram (aus dem besprochenen Buch)

DER WAGRAM Mit einem Buch durch Ortschaften und Rieden wandern

Gemütliche Szene beim Heurigen (aus dem beschriebenen Buch)

Eine noch unentdeckte NÖ-Region stellt sich kurzweilig lesbar vor

Über Jahrmillionen hat die Natur an diesem landschaftlichen Kunstwerk gearbeitet, um uns heute als eine der reizvollsten Gegenden zum beschaulichen Besuch einzuladen. Wo einst die Wogen der Urdonau durch seitliche Hänge in ihrem Lauf Richtung Osten gelenkt wurden, hat sich auf den Höhen der Ufer viele Meter dicker Löss abgelagert, der sich im Lauf der Zeit verdichtet hat und sich seit Menschengedenken als idealer Boden für den Weinbau anbietet. Aus der Ebene des Stroms und der Auwälder wächst unvermittelt eine Hügelkette empor, nicht allzu hoch, aber doch als deutliche Markierung zwischen den Feldern unten und den Weingärten.

Der Wagram Cover 900

So besehen ist der Wagram einzigartig und hat sich deswegen selbstbewusst vom Weinviertel abgegrenzt. Er präsentiert sich nicht nur als eigene Weinregion, sondern längst auch als Freizeitregion, die mehr und mehr von (Rieden)Wanderern und Radfahrern als Destination für Tagesausflüge geschätzt wird. Dennoch können sich noch zu wenige Menschen, auch die nahen Wiener, mit dem Wagram wirklich was anfangen. Es war also hoch an der Zeit, die Lust auf Spaziergänge durch romantische Lössschluchten, auf einen aufschlussreichen Tratsch mit einem Winzer vor oder besser in seinem Weinkeller und auf eine Begegnung mit den hochinteressanten historischen Hinterlassenschaften in den freundlichen Ortschaften zu wecken.

Die neun Mauna (aus dem besprochenen Buch)

Diesem Mangel wurde nunmehr mit einem in der Edition Winkler-Hermaden vom Verein für Tourismus und Regionalentwicklung Region Wagram herausgegeben Buch insofern abgeholfen, als die darin vertretenen Autoren mit Begeisterung für ihre Gegend diese dem Leser unwiderstehlich ans Herz legen. Den Anfang macht der Wein, der beim Grünen Veltliner, aber auch in der seltenen Sorte Roter Veltliner seine unvergleichliche Mineralität und respektable Größe dem Löss verdankt.

Dazu beschreiben Anna Schabl und Karin Reichelmayer liebevoll ausführlich, wie es früher auf einem Weingut zugegangen ist, bevor Hochkultur und Kellertechnik Einzug gehalten haben. Ludwig Leuthner erzählt vom „Hiatabrauchtum in Fels am Wagram“ und Sepp Rittler trägt mit dem Gedicht „Im Lesn – Eine Betrachtung“ als lokale Verständigungshilfe Mundart-Poesie bei. Es sind durchwegs Heimatforscher, die den Leser in die Vergangenheit ihrer Heimat führen und dafür engagiert in Pfarrchroniken recherchiert und sich in den Erinnerungen der Alten umgehört haben. So sind Johanna Ettl dem Ursprung des Namens Königsbrunn und Maria Knapp dem Hochzeitsbrauchtum wie dem Vierzieh´n, einem Schabenrack der Burschen des Ortes, nachgegangen.

Peter Locher reißt ein wahrhaft unheimlich spannendes Thema an, wenn er über die Erdställe referiert. Dass der Wagram auch große Persönlichkeiten hervorgebracht hat, wissen u.a. Friedrich Ploiner (Martin Johann Schmidt) und Adolf Ehrentraud, der dem Komponisten Ignaz-Joseph Pleyel in Ruppersthal neben einem Museum ein Kulturzentrum mit Konzertsaal geschaffen hat. Es tut sich also was am Wagram, der sich mit diesem Buch einen praktischen Reiseführer zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschaffen hat.

Mirakelbuch und Votivbild aus Kirchberg am Wagram

Krauna (Hüttendorf, MI) Zeichnung von Thomas Wolf

STERZFRESSER UND GNACKWETZER Orts-Spitznamen im Weinviertel

Paradeis(er)pölzer war Spitzname für die Lang-Enzersdorfer, aus dem besprochenen Buch

Ein humoriges Lexikon als Schatzkästlein fast vergessener Kleinode ländlicher Sprache

Seinerzeit genügte es, beim Kirtag in Neusiedl an der Zaya das Wort „Bå(h)brunzer“ in die gesellige Runde zu werfen und schon war die herrlichste Rauferei im Gange. Die Burschen des Ortes reagierten nicht gerade freundlich, wenn man sie darauf ansprach, dass sie ihre Notdurft nach einigen Krügeln Bier am Gestade des Zayabachs erledigten; was an sich für einen männlichen Vertreter der Ortsbevölkerung keine Schande wäre. Aber da es sich in diesem Fall um einen Spitznamen handelt, musste diesem energisch und meist mit den Fäusten entgegen getreten werden. Dabei hätte man den Spieß nur umdrehen müssen. Egal woher der Spötter auch war, auch er war Träger einer zumeist wenig ruhmvollen Bezeichnung. Kam er aus dem nahen Altlichtenwarth, war er ein „Wuchtelpracker“ und für Eibesthal diente „Schneiderhänger“ und „Stricklhänger“ als Hinweis auf einen blamablen Irrtum der örtlichen Justiz. Man hätte in Frieden weiter getanzt, gesoffen und miteinander über die in den Spitznamen überlieferten Blödheiten der Vorvorderen gelacht.

Sterzfresser und Gnackwetzer Cover 900

Aber rustikaler Humor ist eben zu deftig direkt und kennt wenig Rücksichtnahme auf die jeweiligen Befindlichkeiten des damit Getroffenen, um damit in zivilisierter Weise umgehen zu können. So haben sich (nicht nur) im Weinviertel nahezu für jede Ortschaft Spitznamen bis in unsere Zeit herauf erhalten, um mit der diesem Wort immanenten Spitze auf die anderen einzustechen.

 

Der Eichenbrunner Michael Staribacher hat sich bereits in einigen Publikationen (Eichenbrunner Sprachelexikon, Weinviertler Dialektlexikon u.v.m.) als Sprachforscher einen Namen gemacht. Zusammen mit dem geborenen Weinviertler Christian Wiesinger, Pfarrer von Gaubitsch und Unterstinkenbrunn, ist er nun diesen Orts-Spitznamen nachgegangen und hat dazu in der Edition Winkler-Hermaden unter dem Titel „Sterzfresser und Gnackwetzer“ ein Lexikon der Weinviertler Ort-Spitznamen herausgebracht. Die Orte finden sich in alphabetischer Reihenfolge, dazu der jeweilige Nickname und wo es sich noch eruieren ließ, dessen Geschichte oder Bedeutung. Zu Erleichterung des Verständnisses des nicht selten derben Vokabulars wurden von einem treuen Gast im Weinviertel, dem deutschen Pfarrer Thomas Wolf, witzige Zeichnungen beigefügt.

Es handelt sich bei diesem Rettungsversuch einer allmählich dem Vergessen anheimfallenden Umgangssprache, so Michael Staribacher, um einen Ansatz, den zu ergänzen die Leser herzlich eingeladen sind. So darf auch an der Stelle erwähnt werden, dass beispielsweise Eggenburg fehlt, dessen Bewohner trotz ihrer Landesherrlichkeit einst respektlos „Goaßstadler“ gerufen wurden. Warum und wieso, das herauszufinden ist für die beiden Autoren, die im Vorwort offen zugeben, von der Leidenschaft des Sprachsammelns und einem Vollständigkeitswahn besessen zu sein, mit Garantie eine lustvolle Herausforderung.

Die sogenannte Völkertafel, 1. Drittel 18. Jh., aus dem besprochenen Buch

Illustration aus dem besprochenen Buch

VERSCHWUNDENE WIENER STRASSENNAMEN als beredte Zeitdokumente

Illustration aus dem besprochenen Buch

Ein gemeinsamer Platz für Maximilian, die Freiheit, Dollfuß, Hermann Göring und Roosevelt

Die Umbenennung einer Straße oder eines Platzes ist in Wien stets ein Politikum, das lange und zumeist heftige Diskussionen auslöst. Die einzelnen Reaktionen lassen tiefe Schlüsse auf die jeweilige Weltanschauung zu. Für viele war beispielsweise der Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger eine integre und verdienstvolle Person und sie wollten nicht einsehen, dass man sein Andenken nicht weiter ehren sollte, als man daran ging von dem nach ihm benannten Stück Ring die Namensschilder abzumontieren. Er förderte bekanntlich antisemitische Bestrebungen und war laut zeitgenössischer Quellen wissenschaftsfeindlich.

Verschwundene Wiener Straßennamen Cover

Das genügte für den damaligen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ), daraus den Universitätsring zu machen. Wieder ein umstrittener Name weniger im Straßenbild, mag man sich denken, und nimmt es zur Kenntnis wie vieles, was an mehr oder weniger nachvollziehbaren Erneuerungen über uns hinweg fegt. Dass damit aber jedes Mal auch ein Stück Geschichte neu geschrieben wird, und zwar ganz im Sinne der im Moment an der Macht befindlichen Partei, ist die Kehrseite der jeweiligen Umbenennungen.

Illustration aus dem besprochenen Buch

Deswegen ist es eminent wichtig, diesen Vorgängen auf den Grund zu gehen, wie es der Historiker Dr. Peter Autengruber in „Verschwundene Wiener Straßennamen“ (erschienen in der Edition Winkler-Hermaden) gründlich getan hat. Mit seinem „Lexikon der Wiener Straßennamen“ hat er ein Standardwerk geschaffen, das nun mit diesem Buch eine aufschlussreiche Ergänzung gefunden hat. Es beginnt mit der Judenstadt im 1. Bezirk. Man findet nach einer kurzen historischen Skizze die Namen der Gassen und Straßen, die einst zwischen Stoß im Himmel, Schwertgasse, Schulhof, und Jordangasse anders als heute bezeichnet worden waren. Der Autor hält sich an den Lauf der Geschichte und beschreibt im nächsten Kapitel die Auswirkungen der Revolution 1848 auf die Straßenbezeichnungen. Dass aus der Barrikadenstraße bald Fleischmarkt und Schönlaterngasse geworden sind, ist dem Wiener Magistrat in Zeiten des Neoabsolutismus nicht zu verdenken. Der nächste Schritt führt hinaus zur ersten Stadterweitung mit der Eingemeindung der Vorstädte.

Auch bei diesen kommunalen Großereignissen kam es reihenweise zu neuen Namensschildern an den Häusern, so in der ehemaligen Bräuhaus Gasse (Schmalzgasse) oder der Schwibbogen Gasse, der heutigen Trautsongasse. Das Gleiche gilt für die Eingemeindung der Vororte und noch mehr für die Errichtung der Republik 1918. Es gab ein massenhaftes Abmontieren von Taferln mit den Namen der Habsburger. Die Kaiser-Franz-Josephs-Brücke ist besser als Kennedybrücke bekannt und der Kaiser-Karl-Ring als Opernring. Aber auch das Rote Wien hat sein Ende gefunden und die Sozialisten mussten zugunsten eines Heiligenstädter Platzes auf Karl Marx verzichten. Ihren Gegnern erging es nicht besser. So wurde der Name des 1934 ermordeten Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß von den 1938 folgenden Nationalsozialisten aus dem Straßenbild gründlich getilgt. Das gleiche Schicksal ereilte 1945 die Nazibonzen. Adolf Hitler hatte sich den Rathausplatz gesichert und Hermann Göring den Park vor der Votivkirche, heute bekannt als Rooseveltplatz. Ihnen folgten die sowjetischen Befreier, die partout darauf bestanden, dass der Schwarzenbergplatz den Namen Stalin tragen sollte, was Gott sei dank ebenfalls Vergangenheit ist.

 

Man muss allerdings fleißig blättern und stets ein Auge auf das Register haben, um sich mit den Namen zurecht zu finden. So entdeckt man auf Seite 53, dass der Familienplatz in Ottakring einst nach Stephanie, der Frau von Kornprinz Rudolf benannt war.

Wie man auf Seite 63 erfährt, wurde er dem Sozialisten August Bebel und danach dem deutschnationalen Dichter Ottokar Kernstock gewidmet. Seite 113 verrät endlich, dass im 14. Bezirk dessen Name gegen ein Opfer der von ihm vertretenen Ideologie ausgetauscht wurde und seitdem Jägerstätterstraße heißt. Dank reichlicher Illustration wird dieses Suchspiel jedoch zum anschaulichen Geschichtsunterricht, der einen Blick auf einen längst nicht mehr existierenden Stadtplan vom Alten Wien erlaubt.

Illustration aus dem besprochenen Buch

Germanendorf in Slsarn, Foto aus dem besprochenen Buch

DIE DUNKLEN JAHRHUNDERTE DES WEINVIERTELS mit goldenen Spuren

Hundeskelett in einer Speichergrube, aus dem besprochenen Buch

Von den Germanen über die Römer bis zu den Babenbergern

Finstere Zeiten halten sich nicht an einen Kalender. Sie können jederzeit über ein Land hereinbrechen und bittere Erinnerungen bei den Menschen hinterlassen. Im jüngst in der Edition Winkler-Hermaden erschienen Buch „Die dunklen Jahrhunderte des Weinviertels“ bezieht sich der Autor Ernst Lauermann jedoch auf die 1000 Jahre ab der Zeitenwende bis ins Mittelalter. Das meiste, was wir derzeit aus dieser Periode wissen, hat sich noch bis vor kurzem unter der Erde verborgen. Abgesehen von den knappen Berichten, in denen die Römer ihre nördlichen Nachbarn eher abschätzig beschrieben haben, gibt es wenig Überlieferung, außer ein Archäologe setzt den Spaten an.

Germanischer Eisenhelm aus Grund, Foto aus dem besprochenen Buch

Er schafft im Zuge einer wissenschaftlich gesicherten Befundung der ergrabenen Relikte ein recht anschauliches Bild dieser Zeit. Das geübte Auge des Forschers sieht in diesen unscheinbaren Details wesentlich mehr als man anhand einer Münze, eines Tonscherbens oder eines verbogenen Schmuckstücks vermuten würde.

Pferdegeschirr aus GRab 15 (Hauskirchen), Foto aus dem besprochenen Buch

Im Weinviertel, also im Barbaricum, wie es die Römer hinter dem Limes abschätzig bezeichneten, haben, so die Wissenschaft, die Germanen gelebt. Bei Feldbegehungen, sehr oft aber auch bei Straßenbauten stieß man immer wieder auf archäologisch wertvolle Hinterlassenschaften dieser frühen Weinviertler. Das Buch führt dazu den Leser in bäuerliche Siedlungen. Eine davon liegt bei Bernhardsthal und wurde teilweise ausgegraben. Ursprünglich haben dort am Westufer der Thaya Kelten gehaust, bevor im 2. Jahrhundert Germanen und sogar ein römisches Marschlager nachzuweisen sind. Man konnte feststellen, dass diese Siedlung, die im Überschwemmungsgebiet angelegt war, aufgegeben wurde und die Bewohner entweder ganz weggezogen sind oder sich neue Gehöfte an erhöhten Plätzen errichtet haben. Es war also nicht immer Feindseligkeit, die zur Emigration führte, schließlich stand man in besten Handelkontakten mit dem Römischen Imperium. Importiert wurde unter anderem Tafelgeschirr (Terra Sigillata), während man Felle, Frauenhaar und Lebensmittel Richtung Rom lieferte.

Kriegerische Zeiten brachen mit den Markomannen, den Awaren und Hunnen über die heute so friedliche Gegend herein. In den Gräbern der Kämpfer fanden sich Langschwerter, Reflexbögen und Rüstungsteile wie ein eiserner Helm, der in der Ortschaft Grund beim Bau der Umfahrungsstraße nach bald zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen ist.

„Gräber sprechen, wo Geschichte schweigt“ hat Lauermann auch eines der Kapitel betitelt. Den Toten hat man neben den Waffen auch wertvollen Schmuck mit in die Ewigkeit gegeben. Ein rechteckiger Beschlag aus vergoldetem Silber mit kunstvollem Anhänger und vergoldete bronzene Pferdebeschläge aus einem Grab in Hauskirchen lassen auf die Bestattung einer langobardischen Königin schließen. Mit kriminalistischem Scharfsinn wurde von den Archäologen der Beraubung des Grabes nachgespürt und zufrieden festgestellt, dass der sogenannte Raubtrichter knappe zehn Zentimeter neben den Beigaben vorbeiführt worden war. Wir wüssten heute kaum etwas über die Bestattungsriten hochgestellter Persönlichkeiten. Ähnlich glücklich hat sich der Goldflitter in einem Frauengrab von Untersiebenbrunn erhalten, der ebenfalls darauf schließen lässt, dass man hier „Von Germanen, Hunnen und Awaren bis zu den frühen Babenbergern“ standesgemäß zu leben wusste und, für die Archäologen höchst erfreulich, seinen Reichtum mit ins Grab genommen hat.

Stuette eines gefangenen Germanen, Foto aus dem besprochenen Buch
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